Der Soldat in Gefangenschaft – und wie durch Mitgefühl Würde zurückkehrt

Es war eine kraftvolle Aufstellung gestern bei meinem Aufstellungstag in Aachen, wo sich 5 Frauen und 3 Männer aus ganz Deutschland getroffen haben zum sog. stillen Familienstellen – eine ganz […]

Warum wir uns oft so schwer tun, eine Familienaufstellung zu machen. Blogartikel über das Familienstellen nach Bert Hellinger

Es war eine kraftvolle Aufstellung gestern bei meinem Aufstellungstag in Aachen, wo sich 5 Frauen und 3 Männer aus ganz Deutschland getroffen haben zum sog. stillen Familienstellen – eine ganz besondere Art des Familienstellens, wo so gut wie nicht gesprochen wird und sich ganz den Bewegungen des morphischen Bewusstseinsfeldes überlassen wird.

Auch ich als Aufstellerin bleibe ganz still – bewusst, absichtslos und dadurch automatisch liebevoll. Was ganz leicht klingt, ist jahrelange Übungspraxis und die innere Haltung, die aus dem aufgewachten Sein in die Welt kommt. Das Fühlen der Gefühle, die die Stellvertreter erfasst ist das zentrale Thema, so kann die Seele wieder weich werden und Stück für Stück in Heilung kommen.

Aber nun zu der gestrigen Aufstellung, die noch nachgewirkt hat: Das Anliegen der Klientin war, zu erfahren, warum sie in der Pubertät plötzlich vom „Sonnenschein zum schwarzen Schaf“ für ihren Vater wurde. Ich suchte eine Stellvertreterin für ihren Vater, die sofort von einem starken Schmerz in der Brust erfasst wurde, dann immer wieder von Husten erfasst wurde und die es vor Schmerzen zu Boden zog. Dann erzählte die Klientin, dass der Vater 4 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft war.

Historischer Hintergrund: Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion (1945–1949)

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden etwa 3,15 Millionen deutsche Soldaten von der Roten Armee gefangen genommen. Ihre Behandlung war oft äußerst hart und entbehrungsreich:

Lebensbedingungen in sowjetischen Lagern:
  • Lange Märsche in provisorischen Kolonnen (oft barfuß, verwundet, geschwächt)

  • Massive Unterversorgung: Hunger, Kälte, kaum medizinische Versorgung

  • Zwangsarbeit: oft unter extremen Bedingungen (Kohleminen, Forstwirtschaft, Straßenbau)

  • Krankheiten: Tuberkulose, Typhus, Lungenentzündungen, chronische Atemwegserkrankungen

  • Hohe Sterblichkeitsrate: besonders in den ersten Jahren nach Kriegsende

Mögliche körperlich-seelische Folgen:

Die Symptome, die wir in der Aufstellung gesehen haben und die die Stellvertreter erfasst haben – Husten, Brustraum-Themen, Engegefühl – sind typisch für:

  • Lungenkrankheiten (z. B. infolge von Unterkühlung und Hunger)

  • erstickte Angst oder Trauer (symbolisch „auf der Brust lastend“)

  • nicht ausgedrückte Emotionen, etwa Schuld, Scham oder verlorene Würde

Die Stellvertreterin für den Vater, der in sowjetische Gefangenschaft geraten war, hatte noch am nächsten Tag mit starken körperlichen Symptomen zu kämpfen:  Druck im Brustraum, Atemnot.

Sie meldete sich bei mir – beunruhigt, weil die Symptome nicht weggingen. Und da wusste ich sofort:  „Da wurde etwas in ihr berührt, was ihr eigenes war.“

Wir sprachen, ich hielt den Raum für die Gefühle von Schmerz und Verzweiflung und sie konnte sich in die Gefühle sinken lassen und sie ausfühlen. Und dann zeigte sich: Diese Symptome waren nicht nur das Echo des Soldaten. Es war das Echo ihrer eigenen Geschichte.

Von Schuld, Nicht-Gesehen-Werden und verlorener Würde

Die Frau hatte in ihrer eigene Aufstellung davor das Thema von Schuld und verlorener Würde gehabt, dadurch dass ihr die alleinige Schuld an der Trennung ihres Mannes gegeben wurde – sowohl von ihrem Mann als auch von ihrem Sohn und ihren Eltern. Da fühlte sie sich ähnlich  wie dieser Mann in Gefangenschaft:
– Nicht gesehen.
– Beschuldigt.
– In ihrer Würde beschnitten.

So hatte sie quasi gestern 2 Möglichkeiten dieses Gefühl zu fühlen, während ihrer eigenen Aufstellung und als Stellvertreterin für den Kriegsgefangenen.

Mitgefühl ist der Schlüssel

Nachdem die Klientin den tiefen Schmerz gefühlt hatte, habe ich sie aus einer anderen Perspektive auf sich selbst schauen lassen: Aus der Haltung der liebevollen Selbstannahme: „Schaue auf dich, so dass alles da sein darf – du hast dir die Schuld geben lassen, du hast sie genommen und konntest dich nicht abgrenzen – schaue auf die Familienmitglieder, die auch nicht anders konnten als die Schuld auf dich abzuwälzen – ihr alle, von etwas Größeren geführt.“

Und dann wurde es ruhiger bei ihr. Der Kampf hörte auf. Und sie verstand und fühlte auch, dass das der erste und gleichzeitig wichtigste Schritt war: Wirklich „Ja“ zu sagen und sich ganz und gar BERÜHREN zu lassen – nicht nur verstandesmäßig „Ja“ zu sagen.

Und das ist ein Prozess, ein Prozess, der in Wellen verläuft, mal geht es schnell voran, dann wieder ein bisschen zurück – so lange, bis wir ganz und gar „Ja“ sagen können – ein Ja, was wir fühlen, was ganzherzig ist – ohne Zweifel, ganz und gar klar!

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