Ein Mafia-Boss mit gutem Gewissen? Warum Loyalität stärker ist als Moral

Stell dir vor, du wirst in eine Mafia-Familie hineingeboren.Dein Vater ist der Boss. Es herrschen Gesetze von Macht, Loyalität und Schweigen. Für dich als Kind ist das normal, du kennst […]

Warum wir uns oft so schwer tun, eine Familienaufstellung zu machen. Blogartikel über das Familienstellen nach Bert Hellinger

Stell dir vor, du wirst in eine Mafia-Familie hineingeboren.
Dein Vater ist der Boss. Es herrschen Gesetze von Macht, Loyalität und Schweigen. Für dich als Kind ist das normal, du kennst es nicht anders. Es ist deine Welt, deine Familie, deine Zugehörigkeit.

Was glaubst du, was in so einem Kind wirkt?

Es will dazugehören. Es will anerkannt werden. Es will nicht ausscheren. Und so entsteht innerlich fast zwangsläufig der Wunsch, der sich fast wie eine Verpflichtung anfühlt, ebenfalls Mafia-Boss zu werden. DAS fühlt sich innerlich richtig an für das Kind. Denn wenn es diesen Weg geht, hat es ein „reines Gewissen“. Hingegen, wenn es aussteigt, entstehen Schuld und Unruhe. Es hat das Gefühl, die Familie zu verraten.

Genau das hat Bert Hellinger mit der Gewissensbewegung beschrieben.

Er hat beobachtet, dass unser Gewissen in erster Linie Zugehörigkeit sichert, dabei geht es nicht um Moral. Als Kinder orientieren wir uns an dem, was in unserer Familie gilt. Wir wissen von klein auf die Regeln, die brauchen nicht offen ausgesprochen werden. In unserer Familie lernen wir: So ist es richtig. So überlebt man. So bleibt man verbunden.

Hellinger unterschied drei Formen des Gewissens.

Das persönliche Gewissen sorgt dafür, dass wir uns im Einklang mit unserer Herkunftsfamilie fühlen. Wenn wir so denken und handeln wie unsere Eltern, fühlen wir uns gut. Wenn wir anders werden, meldet sich Schuldgefühl. Dieses Gewissen fragt nicht: Ist das ethisch richtig? Es fragt: Gehöre ich noch dazu?

Das kollektive Gewissen wirkt noch tiefer. Es sorgt dafür, dass niemand im System ausgeschlossen wird. Wenn jemand verdrängt oder verurteilt wurde, kann ein Nachkomme unbewusst dessen Platz einnehmen oder dessen Schicksal weitertragen.

Und dann gibt es das geistige Gewissen. Es zeigt sich in einer größeren inneren Weite. Dort geht es nicht mehr um Loyalität oder Ausgleich, sondern um ein Annehmen dessen, was ist, jenseits von Verstrickungen.

Das Mafia-Beispiel macht deutlich, wie stark das persönliche Gewissen wirkt. Und auch in „ganz normalen“ Familien ist es nicht anders:

Vielleicht wiederholst du Beziehungsmuster deiner Mutter.
Vielleicht begrenzt du dich finanziell wie dein Vater.
Vielleicht bleibst du klein, weil Größe in deiner Familie gefährlich war.

Und jedes Mal fühlt es sich innerlich stimmig an, wenn du es genauso machst. Das ist die Gewissensbewegung.

Das tolle ist, dass wir solche Gewissensbewegungen sichtbar werden lassen können – im Familienstellen. Und ich arbeite dabei mit der reifsten Form, die Hellinger später entwickelt hat: dem stillen oder geistigen Familienstellen.

Hier brauchen wir keine langen Geschichten. Kein detailliertes Wissen über die Vergangenheit. Wir vertrauen darauf, dass das morphische Feld eine eigene Intelligenz hat. In diesem Bewusstseins-Feld ist alles gespeichert, was jemals war und auch die Möglichkeiten, wie es kommen könnte. Und wir können darauf vertrauen, dass diese Intelligenz zeigt, was wesentlich ist.

Diese Art des Familienstellens passt hervorragend zu meiner Bewusstheitsarbeit, wo wir uns der Stille, als das Tiefste und Wesentlichste, was erfahrbar ist, hingeben:

In dieser Stille wird oft erfahrbar, dass wir etwas übernommen haben, um dazuzugehören. Wir waren loyal und wollten ein „reines Gewissen“ haben.

Und dann kommt der entscheidende Schritt: zu unterscheiden.

Was gehört wirklich zu meinen Eltern? Und was gehört zu mir?

Und dann können wir auf unsere Eltern schauen und ihnen innerlich sagen:
„Ich achte euren Weg. Und ich lasse euch euer Leben. Bitte schaut freundlich auf mich, wenn ich meines anders lebe.“

Das kann sich anfangs vielleicht ungewohnt anfühlen. Vielleicht sogar wie ein Verrat. Denn das alte Gewissen meldet sich noch einmal. Doch wenn wir tiefer gehen, merken wir: Wahre Liebe heißt nicht, alles zu wiederholen. Wahre Liebe heißt, die Eltern zu achten und das Eigene zu leben.

Das Kind des Mafia-Bosses hat nur dann ein reines Gewissen, wenn es Mafia-Boss wird.
Der erwachsene Mensch bekommt ein neues Gewissen, wenn er frei wählen kann.

Und genau dieser Übergang – von blinder Loyalität zu bewusster Verbundenheit – ist einer der heilsamsten Schritte, die wir gehen können.

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