Sie hörte eine Viertelstunde lang nicht mehr auf zu gähnen …
Ich wusste schon länger, sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus der Erfahrung in der Begleitung von Menschen in meinen Gruppen und bei Einzelsitzungen, dass das Gähnen eine zutiefst lösende Wirkung auf unseren gesamten Organismus hat. Aber was mir gestern während einer Einzelbegleitung gezeigt wurde, das hätte selbst ich mir nicht träumen lassen:
Eine Klientin kam mit dem Anliegen zu mir, sich von ihrer subtilen Angst, die sie seit einiger Zeit morgens direkt nach dem Aufwachen fühlte, befreien zu wollen. Wir setzten die Angst auf den sogenannten leeren Stuhl (nach der Gestaltarbeit von Fritz Pearls) und sie begann mit ihr zu sprechen – deutlich machte sie ihrem Ärger Raum, denn sie wollte, dass die Angst endlich aus ihrem Leben verschwinden solle. Als sie ein paarmal hin- und hergewechselt war, zwischen sich und der Angst, stieg auf der Seite der Angst eine Traurigkeit auf und die Angst sagte: „Was soll ich denn dann jetzt tun, wenn du mich nicht mehr haben willst?“. Durch den Satz konnte die Klientin dem Gefühl leichter Raum geben und nachdem die Traurigkeit mit Hilfe des Tones nur ein wenig da war, begann es:
Ein Gähnen. Noch eines. Und noch eines. Fast ohne Pause, reihte sich ein Gähnen nach dem anderen aneinander – ich ermutigte sie dabei, auch den Ton beim Gähnen zuzulassen und das Gähnen wirklich ganz und gar auszukosten, denn anfangs hielt sie noch ihre Hand vor den Mund. Sie fand immer mehr in das satte, vollständige Gähnen hinein, was sich als zutiefst regulierend herausstellte. Fast fünfzehn Minuten lang. Der Satz, den die Angst jetzt sagte war: „Endlich darf ich loslassen, es war so anstrengend die ganze Zeit.“
Und am Ende der Begleitung, als sie von der sogenannten 3. Position auf beide Seiten schaute, sagte sie zu mir: „Ich weiß gar nicht, was passiert ist, aber ich fühle mich so ruhig wie lange nicht mehr.“
Das war kein Zufall.
Warum Gähnen ein Zeichen tiefer Regulation ist
Gähnen ist kein Zeichen von Müdigkeit. Es ist eines der stärksten Signale des Nervensystems für Entladung und Neuordnung.
Wenn wir unter Stress stehen, Angst halten oder Gefühle lange unterdrücken, bleibt unser Nervensystem in einer hohen Aktivierung, das kann sich durch einen flachen Atem, erhöhte Spannung und Wachsamkeit, durch innere Unruhe, die auch nachts nicht mehr zu einem erholsamen Schlaf führt, zeigen.
Kommt ein Mensch dann in einen Raum von Sicherheit, Präsenz und Erlaubnis, beginnt das System, sich neu zu organisieren.
Gähnen zeigt dann, dass der Parasympathikus aktiv wird, sich Spannung entlädt, sich der Atem vertieft, das Gehirn bekommt mehr Sauerstoff, der Körper verlässt den Alarmzustand. In der Traumatherapie nennt man das eine spontane Selbstregulation. Oder einfacher gesagt: Der Körper heilt gerade.
Warum Gähnen oft erst nach einem Gefühl kommt
Interessant ist:
Das tiefe Gähnen beginnt oft nicht am Anfang sondern erst, wenn ein Gefühl wirklich berührt wurde.
In diesem Fall: erst die Angst, dann die Traurigkeit, dann Regulation.
Das ist kein Zufall.
Solange Gefühle nur verstanden oder erklärt werden, bleibt das Nervensystem aktiv. Erst wenn ein Gefühl wirklich gefühlt wird – auch nur für einen kurzen Moment, wie bei der Klientin – kann sich etwas lösen. Das ist auch ein Beweis dafür, dass Fühlen ein „weniger an innerem Tun“ ist, ein mehr unseres natürlichen Zustandes.
Und wenn das geschieht, kann der Körper übernehmen und durch das Gähnen tiefe Anspannung loslassen. Bei der Klientin hat der Körper auch noch weiter „übernommen“, denn durch das Gähnen konnte er in autonome Bewegungen kommen, die durch Zuckungen den Bauch und Brustraum gelöst haben, durch das ganz freie Tönen dabei, war auch die Gefühls-Stimmung immer mit präsent.
Eine kleine Übung für dich: Gähnen einladen (ohne es zu erzwingen)
Du kannst diesen Prozess auch im Alltag unterstützen. Nicht indem du bewusst gähnst, das funktioniert meist nicht. Aber indem du deinem Nervensystem Sicherheit gibst. Vielleicht magst du es jetzt einmal ausprobieren oder auch später:
Setze dich bequem hin. Lege eine Hand auf den Bauch, eine auf den Brustraum. Atme langsam durch die Nase ein und etwas länger aus als ein.
Öffne den Kiefer leicht, als würdest du seufzen wollen.
Lass den Atem weich werden.
Wenn ein Gähnen kommt ist es ganz wunderbar und du kannst dich ganz ins Gähnen fallen lassen, wenn keines kommt, ist es auch gut. Denn Regulation lässt sich nicht erzwingen. Sie geschieht, wenn der Körper bereit ist.
Ich habe jedenfalls für mich aus dieser Begleitung ein stilles Fazit gezogen:
Manchmal ist der tiefste Fortschritt nicht: eine Erkenntnis, eine Einsicht, ein Verstehen sondern einfach ein Gähnen.
Denn wenn das Nervensystem sich reguliert, beginnt Veränderung ganz von selbst.

Danke, liebe Simone, für diesen weiteren wundervollen Einblick in deine Praxis und deine unermüdliche Arbeit, uns in die absolute Ruhe und in den Frieden mit uns und der Welt zu führen.
Liebe Martina, wie schön, dass du auf den Artikel reagierst und ich freue mich, dass er dir gefällt – ja, das ist in der Tat mein Herzensanliegen, was du da beschreibst.
Alles Liebe für dich!